Antisemitismus

Studie zu antisemitischen Einstellungen in Baden-Württemberg vorgestellt

Ein Zaun steht vor der Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart. (Bild: Sebastian Gollnow / dpa)

Der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus hat eine Studie zu antisemitischen Einstellungen in der Bevölkerung vorgestellt. Die Studie zeigt, dass sich die Art, wie Antisemitismus geäußert wird, verschiebt. Der Glaube an antisemitische Verschwörungsmythen wird auch im Zuge der Corona-Proteste deutlich sichtbar.

„Mit Sorge beobachten wir die Gefahren von Antisemitismus, die nicht zuletzt durch Digitalisierung noch einmal gewachsen sind: Verschwörungsgläubige vernetzen und radikalisieren sich mitunter bis zur Gewaltbereitschaft. Um zielgerichtete Maßnahmen gegen Verschwörungsmythen entwickeln zu können, brauchen wir einen Überblick darüber, mit welcher Verbreitung des Phänomens wir es zu tun haben. Ich bin daher sehr froh, dass wir mit unseren Partnern von der Universität Leipzig zum zweiten Mal eine Auswertung zur Verbreitung judenfeindlicher Einstellungen in unserer Gesellschaft erstellen konnten, die wir heute vorstellen“, sagte der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Dr. Michael Blume, bei der Vorstellung der Sekundärauswertung der Leipziger Autoritarismus Studien für Baden-Württemberg (PDF).

Dr. Blume dankte dem Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig, welches schon seit 2002 regelmäßige Erhebungen für die gesamte Bundesrepublik in Bezug auf Autoritarismus durchführt. 2019 wurden Prof. Dr. Oliver Decker, der Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung, und sein Team erstmals darum gebeten, eine Auswertung für Baden-Württemberg vorzunehmen, um spezifische Daten für das Land zu erhalten. Diese wurden im ersten Antisemitismusbericht an den Landtag vorgestellt. „Nun folgen die neusten Daten für 2020 – ein Jahr, in dem auch die Corona-Pandemie spürbare Auswirkungen auf Antisemitismus und Verschwörungsmythen hatte“, führte Dr. Blume aus.

Rückgang bei klassischen antisemitischen Einstellungen

In der vorgestellten Studie baten die Forschenden die Teilnehmenden um Zustimmung oder Ablehnung zu unterschiedlichen Aussagen und fanden heraus, dass 2019 mehr als fünf Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg fest verankerte antisemitische Einstellungen hatten. Demgegenüber konnte 2020 ein Rückgang festgestellt werden: Nur noch etwas mehr als zwei Prozent der Menschen haben sogenannte klassische judenfeindliche Ansichten, und stimmen beispielsweise der Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ zu. „Dass wir wieder einen Rückgang bei klassischen antisemitischen Einstellungen verzeichnen können, stimmt mich hoffnungsvoll. Ich bin überzeugt, dass die Arbeit der Zivilgesellschaft, seriöser Medien und Politik damit erste Früchte trägt“, äußerte Blume. „Umso wichtiger ist es, jetzt nicht nachzulassen. Wir brauchen weiterhin Aufklärung der Menschen darüber, wie Antisemitismus entsteht und wie er wirkt.“ Er sei dankbar, dass immer mehr Schulen, Vereine oder staatliche Stellen Fortbildungsangebote annehmen. Einen wichtigen Schritt hätten auch Innenministerium und jüdische Landesgemeinden durch die Benennung von zwei Polizeirabbinern unternommen. Für die nahe Zukunft habe er zudem die Gründung eines deutsch-israelischen Begegnungswerkes vorgeschlagen, so Blume weiter.

Israelbezogener Antisemitismus spielt weiterhin eine Rolle

„Klassische antisemitische Einstellungen gehen zurück. Aber dafür sehen wir, wie antisemitische Verschwörungsmythen über Umwege aufrechterhalten werden“, erklärte Blume weiter. „So zeigt die Studie, dass der israelbezogene Antisemitismus weiterhin eine Rolle spielt. Dabei wird Israel gezielt dämonisiert und nicht selten mit dem Nazi-Regime gleichgesetzt.“ Auch Prof. Decker und sein Team führten aus: „Der Antisemitismus ist eine beständige Herausforderung. Der Hass auf Israel sowie Verschwörungserzählungen sind auch Äußerungsformen des Antisemitismus. Nur solange es gelingt, seine Funktion zu verstehen und ihn zu erfassen, können wir auch wirksam auf diese Bedrohung der demokratischen Gesellschaft reagieren.“ Antisemitismus sei eine dunkle Ressource, die in Krisen für viele Menschen attraktiv werde. „COVID-19 wirkt dabei als Brandbeschleuniger: Die weit verbreitete Verschwörungsmentalität macht auch offen antisemitische Ressentiments wieder salonfähig“, so Prof. Decker. Dabei stellten antisemitische Vorfälle auf Demonstrationen der sogenannten „Querdenken“-Bewegung kein Novum dar, sondern seien Ausdruck alter Ressentiments. Es werde auch deutlich, dass nicht nur Menschen aus den Rändern der Gesellschaft antisemitisch denken und handeln, sondern, dass sich Antisemitismus auch in der Mitte der Gesellschaft zeige.

Konstant hoher Prozentsatz glaubt an Verschwörungsmythen

Blume äußerte sich besorgt über den weiterhin konstant hohen Prozentsatz von Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben. Die Auswertung zeige, dass fast 39 Prozent der Menschen folgende Auffassung teilen: „Die Corona-Krise wurde so groß geredet, damit einige wenige von ihr profitieren können.“ Weitere 31 Prozent stimmen der Aussage „Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“ zu. „An diesem Punkt müssen wir dringend weiter ansetzen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Jüdinnen und Juden durch Verschwörungsvorwürfe verleumdet und angegriffen werden“, forderte Blume.

Susanne Jakubowski vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg äußerte sich besorgt über die Verunsicherung von Jüdinnen und Juden im Land: „Deinen Davidstern um den Hals solltest Du nicht immer offen tragen. Es gibt Menschen, die uns nicht mögen“ – so laute eine Aussage, die jede jüdische Mutter und jeder jüdische Vater nur allzu häufig treffen müsste.

Anstieg bei antisemitisch motivierten Straftaten

Die Psychologin Marina Chernivsky bewertete die Studienergebnisse wie folgt: „Die hohen Zustimmungswerte für Verschwörungsmythen und israelbezogenen Antisemitismus sowie die steigenden Fallzahlen antisemitischer Gewalt untermauern die Kontinuität, aber auch die Radikalisierung antisemitischer Dynamiken in unserer Gesellschaft.“ Daher sieht Chernivsky als Leiterin der Beratungsstelle OFEK BaWü ihre Aufgabe darin, die Effekte antisemitischer Bedrohung sichtbar zu machen und professionelle Angebote für Betroffene und Institutionen zu entwickeln.

Abschließend fokussierte Dr. Blume Radikalisierungstendenzen unter dem Aspekt digitaler Medien: „Wenn auch nicht die Zahl der Antisemiten steigt, so bewirkt doch die Vernetzung auf Facebook, Telegram, Discord und anderen Online-Kanälen mitunter eine Radikalisierung bis zur Gewaltbereitschaft. Digitalsekten wie QAnon und Teile der Querdenken-Bewegung verbreiten Hass und Gewaltbereitschaft gegen Jüdinnen und Juden, aber auch etwa gegen Journalistinnen und gewählte Politiker. Daher sehen wir leider auch einen Anstieg bei antisemitisch motivierten Straftaten.“

Studie: Antisemitismus in Zeiten von COVID-19 – Sekundärauswertung der Leipziger Autoritarismus Studien für Baden-Württemberg

Staatsministerium: Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus

Staatsekretär Florian Hassler (l.) und die Staatssekretärin im Außenministerium der Republik Kroatien, Andreja Metelko-Zgombić (r.) bei der Sitzung der elften Sitzung der Gemischten Regierungskommission zwischen Baden-Württemberg und Kroatien in Šibenik/Kroatien
  • Europa

Weiterer Ausbau der Zusammenarbeit mit Kroatien

Startendes Flugzeug am Flughafen Stuttgart (Bild: Flughafen Stuttgart)
  • Flugverkehr

Digitale Infoveranstaltung zu alternativer Abflugroute am Flughafen Stuttgart

Untersuchung der Gesteinsverwitterung an einer Dorfkirche
  • Denkmalschutz

Denkmalschutz-Aktion an den Schulen gestartet

Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Video-Interview
  • Interview

„Jetzt wartet die Welt nicht mehr auf uns“

Fotomontage aus vier Bildern mit Solarzellen, Getreidehalmen, Windrädern und Strommasten.
  • Erneuerbare Kraftstoffe

Mehr Tempo bei reFuels-Projekten gefordert

Erste Sitzung des Kabinetts nach der Regierungsbildung im Mai 2021.
  • Landesregierung

Bericht aus dem Kabinett vom 19. Oktober 2021

Häuser in Stuttgart werden von der Morgensonne beschienen. (Bild: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)
  • Wohnraum

Prämienanreize für Kommunen sollen Wohnraum schaffen

Screenshot einer Karte des Landes Baden-Württemberg
  • Landesentwicklung

Online-Tagungen zur Geodateninfrastruktur in der kommunalen Praxis

Eine Lokalzeitung wird über andere Zeitungen gehalten.
  • Kommunales

Vermittlungsgespräch zu kommunalen Amtsblättern

Schreiner bei der Arbeit
  • Handwerk

Bildungsakademie der Handwerkskammer Karlsruhe wird modernisiert

Erzieherin und Kind beim Lesen
  • Kinder und Jugendliche

Frederick Tag 2021 soll Freude und Spaß am Lesen vermitteln

Eine Besucherin der Ausstellung mit dem Titel: „Kunst & Textil“ sieht sich am 20. März 2014 in der Staatsgalerie in Stuttgart die Skulptur „Foud Farie“ aus dem Jahr 2011 von Yinka Shonibare an.
  • Kunst

Jugendkunstpreis 2021 verliehen

Mehrere Personen halten weiße Blätter mit einzelnen Buchstaben in ihren Händen und bilden damit den Begriff "MINDCHANGERS BW".
  • Entwicklungspolitik

Junges Engagement in der Entwicklungspolitik

Wolf
  • Wolf

Wolfsnachweis in Weinsberg im Landkreis Heilbronn

Ein Federahannes, eine Rottweiler Narrenfigur, springt in Rottweil beim Narrensprung durch die Luft. (Foto: dpa)
  • Coronavirus

Fastnacht und Karneval sollen stattfinden können

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hält eine Rede bei der dritten Jahresveranstaltung des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg.
  • Gesundheit

Dritte Jahresveranstaltung des Forums Gesundheitsstandort

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim. (Bild: Patrick Seeger / dpa)
  • Atomenergie

Neues Infoforum Nukleare Sicherheit und Strahlenschutz gestartet

Außenansicht Erweiterungsbau Polizeipräsidium (PP) Offenburg
  • Vermögen und Hochbau

Erweiterungsbau für das Polizeipräsidium Offenburg übergeben

  • Podcast zum Bundesrat

#17 DRUCK SACHE – „Punkte und Sterne“

  • Nahverkehr

ÖPNV-Strategie 2030 für mehr und besseren Nahverkehr

Dr. Michael Münter
  • Verwaltung

Neuer Ministerialdirektor im Umweltministerium

Narzissen blühen in Ludwigsburg vor dem Schloss im Blühenden Barock (Bild: © dpa).
  • Schlösser und Gärten

Finanzminister besucht Schlösser in Ludwigsburg und Bebenhausen

Verschiedene Menschen am Tisch im Gespräch
  • Städtebau

Land fördert sechs weitere nichtinvestive Städtebauprojekte

Wort-Bild-Logo der Kampagne Start-up BW. (Bild: Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg)
  • Gründerszene

Erster Start-up Atlas im Land

Ein Mann tippt in einem Büro auf einer Tastatur. (Bild: © dpa)
  • Nachhaltigkeit

Auszeichnung für nachhaltiges Wirtschaften in der IT-Ausrüstung