Regierungserklärung

„Wir brauchen neuen Mut für eine neue Zeit“

In einer Regierungserklärung im Landtag hat Ministerpräsident Cem Özdemir die Schwerpunkte der neuen Landesregierung vorgestellt. Um gemeinsam gut durch die Krise kommen, brauche es Mut, Zusammenhalt und neue Ideen, betonte der Regierungschef.

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Ministerpräsident Cem Özdemir bei seiner Regierungserklärung im Landtag von Baden-Württemberg

Regierungserklärung von Ministerpräsident Cem Özdemir

Neuer Mut für eine neue Zeit

Gemeinsam aus der Krise wachsen

am 20. Mai 2026 im Landtag von Baden-Württemberg

Es gilt das gesprochene Wort!

Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

erlauben Sie mir zu Beginn ein paar persönliche Worte.

Ich bin vor 60 Jahren in Urach zur Welt gekommen. Ich bin ein Kind dieses Landes. Aber ich wurde nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren. Meine Eltern waren Gastarbeiter. Rein gar nichts deutete in meiner Kindheit und Jugend auf das hin, was später mein Leben bestimmen und ausmachen sollte. Dass ich heute als Ministerpräsident zu Ihnen spreche, hat die Presse in der letzten Woche „eine Dokumentation bundesrepublikanischer Realität“ genannt. Doch der Weg zu dieser Realität war nicht vorgezeichnet. Ich war anfangs ziemlich schlecht in der Schule. Meine Hefte waren voller Fehler. 

Aber es gab Menschen, die mir geholfen und die an mich geglaubt haben – mehr als ich an mich selbst. Ich hatte das Glück, Ermutigung zu erfahren. Dieser Beistand hat mein frühes Leben geprägt. Es hat mir gezeigt, wie wichtig die Unterstützung anderer ist. Und es hat mir verdeutlicht, was möglich ist, wenn man beharrlich ackert und die Dinge mit Zuversicht anpackt.

Mut und Demut

Mut und Demut – so könnte man die Haltung nennen, die daraus erwachsen ist. Beides gehört für mich zusammen. Und ich bin überzeugt: Mut und Demut sind auch ein guter Leitstern für unser Land. Denn wir leben in Zeiten des Umbruchs. In einer Übergangszeit hin zu einer neuen Epoche, die uns allen sehr viel abverlangt. Und in der sich die Krisen so stark verdichten wie selten zuvor: Machtpolitik statt regelbasierter Ordnung, Zollschranken statt Freihandel, technologische Disruptionen, Kriege vor unserer Haustüre, die Bedrohung unserer liberalen Demokratie, und über all dem der menschengemachte Klimawandel.

Viele Menschen machen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz, um ihre Sicherheit, ob ihr Leben bezahlbar bleibt, und ob ihre Kinder und Enkel noch einen lebenswerten Planeten vorfinden. Sie spüren: Die alten Zeiten kommen nicht mehr zurück. Doch die neuen Lösungen sind noch nicht da. Unsere Aufgabe ist es, unser Land sicher durch die Turbulenzen dieser Übergangszeit zu führen. Und – wo immer es möglich ist – erste Grundlagen für die neue Epoche zu legen, die sich am Horizont abzeichnet. 

Dafür brauchen wir Mut und Demut: Den Mut, Klartext zu reden, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Und die Demut, zuzuhören, dem anderen Recht zu geben, wenn er das bessere Argument hat, und auch mal einen Fehler einzugestehen. 

Das Gute ist: Unser Land und seine Menschen verfügen über alles, was es braucht, um die Erfolgsgeschichte unseres Landes fortzusetzen: Eigeninitiative, Schaffigkeit, Erfindergeist, Unternehmergeist, Gemeinsinn. Wahr ist aber auch: Andere haben aufgeholt. In manchen Bereichen haben sie uns sogar überholt. Das gilt für manche Schlüsseltechnologie, für unser Tempo, und manchmal auch für unsere Entschlossenheit. Wir müssen richtig kämpfen: um Arbeitsplätze, um Wettbewerbsfähigkeit, um Innovation, um Vertrauen, um Zusammenhalt.

Auch dafür brauchen wir Mut und Demut zugleich: Mut, weil wir wissen, was wir können. Demut, weil wir wissen, was vor uns liegt. Mut, weil wir uns etwas zutrauen. Demut, weil wir zuhören, lernen und besser werden wollen. Mut, weil wir gestalten wollen. Demut, weil wir Verantwortung tragen. Und genau deshalb können wir sagen: Ja, wir müssen uns richtig reinhängen, mit allem, was wir haben, ich als Ministerpräsident, Manuel Hagel als Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident, die gesamte Landesregierung und die sie tragenden Fraktionen. Und ich bin überzeugt: Wenn wir alle gemeinsam anpacken, dann kriegen wir das hin.

Wirtschaft erneuern, Bremsen lösen und Investitionen ermöglichen

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, lieber Herr Kollege Hagel, für die guten und engagierten Verhandlungen in den letzten Wochen. Wir haben intensiv diskutiert – und manchmal auch hart gerungen. Doch wir hatten dabei immer nur eines im Blick: das Beste für unser Land. Dabei ist dann richtig was ins Rollen gekommen und gelungen, viel mehr als nur der kleinste gemeinsame Nenner. Uns verbindet die feste Entschlossenheit, Baden-Württemberg wirtschaftlich zu erneuern, die Bremsen zu lösen und Investitionen zu ermöglichen. Das ist die zentrale Aufgabe für die kommenden Jahre. 

Dabei wollen wir die Wirtschaft nicht um ihrer selbst willen erneuern, sondern weil es uns um gute Arbeitsplätze und finanzielle Sicherheit geht, weil wir nur mit Wachstum die Dinge finanzieren können, die unsere Gesellschaft zusammenhalten: gute Schulen, ein verlässliches Gesundheitswesen, eine vielfältige Kultur. Und weil es das Vertrauen der Menschen in unsere Demokratie stärkt, wenn es in der Wirtschaft rundläuft. Denn unsere Demokratie wird auch in den Fabrikhallen, Entwicklungsabteilungen und Handwerksbetrieben verteidigt. Da, wo Menschen gemeinsam ihren Lebensunterhalt erwirtschaften und ganz konkret an der Zukunft arbeiten. Auch das ist ein prägender Gedanke für meine Landesregierung.

Folgende Schritte wollen wir dafür gehen:

Die Wählerinnen und Wähler haben der Landesregierung ein starkes Mandat und den klaren Auftrag gegeben, unser Land politisch zu führen. Und sie haben die seit zehn Jahren regierende Koalition in ihrem Amt bestätigt – mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Das ist keine Selbstverständlichkeit, erst recht nicht in Zeiten, in denen die Algorithmen der sozialen Netzwerke kräftig mithelfen, Empörungswellen loszutreten und eine sachliche Auseinandersetzung zu erschweren. Aber vielleicht stößt das Geschäftsmodell der Polarisierungsunternehmer ja inzwischen auch an eine Grenze, das Geschäftsmodell der Populisten und Autoritären, die Honig aus der Spaltung der Gesellschaft saugen.

Vereintes Europa essentiell für Baden-Württemberg

Der frühere französische Staatspräsident François Mitterrand hat seine gesammelte Lebenserfahrung in einem Satz zusammengefasst, ich zitiere: „Le nationalisme, c’est la guerre!“ – „Nationalismus, das bedeutet Krieg!“ Die Landesregierung weiß daher sehr genau, wie essentiell das Vereinte Europa für uns in Baden-Württemberg ist: Unser Frieden hängt von Europa ab, unsere Sicherheit hängt von Europa ab, unsere Wirtschaft hängt von Europa ab, und auch unsere Fähigkeit, uns als liberale Demokratie in einer schwierigen Welt zu behaupten, hängt von Europa ab. Baden-Württemberg braucht die EU, und die EU braucht ein starkes Baden-Württemberg. Deshalb werden wir unseren Beitrag dazu leisten, dass dieses Europa politisch und wirtschaftlich stabil bleibt. Auch das ist ein Auftrag der Wahl vom 8. März, den ich sehr ernst nehme.

Neue bürgerliche Politik

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die neue Landesregierung steht für eine neue bürgerliche Politik. Der Begriff „bürgerlich“ steht dabei nicht für das Einkommen, für den Lebensstil oder für Äußerlichkeiten. Er steht für die richtige Balance zwischen Eigensinn und Gemeinwohl. Denn wir sind beides: Individuen, die ihren eigenen Kopf haben, eigene Ideen und eigene Interessen, und gleichzeitig sind wir Teil einer Gemeinschaft. Wir sind aufeinander angewiesen, und mehr noch: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Der Begriff „bürgerlich“ steht für die Einsicht, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören, dass wir Bürgerrechte und Bürgerpflichten haben. Er steht für den Respekt gegenüber Mitmenschen und Institutionen. Er steht für den Wert der Eigeninitiative. An manchen Stellen brauchen wir weniger Anspruchsdenken und mehr Verantwortungsbereitschaft: anpacken, mitmachen, Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen – so wie es in Baden-Württemberg jeden Tag geschieht.

Für uns als politisch Verantwortliche heißt das: Zu oft haben wir versprochen, was wir nicht halten können – und den Eindruck erweckt, der Staat könne vor allem und jedem schützen. Aber der Staat kann uns nicht jedes Risiko abnehmen. Er ist kein Lieferservice. Oder wie es Wolfgang Schäuble auf den Punkt brachte, ich zitiere: „Demokratie ist kein Supermarkt, wo man sich als Schnäppchenjäger bedient.“ Unsere Demokratie lebt von Bürgerinnen und Bürgern, die sich einbringen und Verantwortung übernehmen. Sie zieht ihre Kraft aus dem gemeinsamen Handeln. Damit staatliches Handeln wirksam ist, braucht es aktive Bürger als Gegenstück.

Vertrauen als wichtigste Ressource einer Demokratie

Dieser Zusammenhang ist uns als Landesregierung wichtig. Und ich spreche ihn aus, weil leichtfertige Versprechen der Politik am Ende immer das Gleiche bewirken: Sie zerstören Vertrauen. Vertrauen aber ist die wichtigste Ressource einer Demokratie – gerade in Zeiten wie diesen. Wir brauchen dieses Vertrauen – zwischen Regierung und Bevölkerung, aber auch untereinander. Denn was vor uns liegt, gelingt nur gemeinsam. Wir brauchen den Staat, die Unternehmen, die Zivilgesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger – und die Kommunen, deren Rolle viel zu oft unterschätzt wird. Wichtig ist auch, dass es auf diesem Weg fair zugehen muss: Alle müssen mit anpacken. Zumutungen müssen gerecht verteilt werden. Und wer sich anstrengt, soll dafür belohnt werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Grüne und CDU verstehen sich als Koalition der Mitte. Wir bekennen uns ohne Wenn und Aber zur liberalen Demokratie, zu den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, zu einem respektvollen und fairen Umgang miteinander, zu einer Politik auf Augenhöhe mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Hier, in der politischen Mitte, werden die nötigen Veränderungen vorangebracht, um unser Land zu erneuern. Die politische Mitte ist der Ort der Zuversicht, nicht die Ränder oder die Extreme. Dort sehen wir keine Zuversicht, keine Ideen, die unser Land voranbringen. Dort sehen wir nur Schwarzmalerei, Diffamierung und den Versuch, unser Land auseinander zu treiben. Uns in der Mitte eint dagegen die Kraft der Vernunft, der Wille zu Lösungen und Kompromissen und die Liebe zu unserem Land und allen Menschen, die hier leben. Daraus erwächst die Zuversicht auf eine gute Zukunft für Baden-Württemberg. Mit neuem Mut für eine neue Zeit wollen wir diesen Weg gehen.

Alle sind herzlich eingeladen, diesen Weg mit uns zu gehen. Mit konstruktiver Kritik. Mit Ideen. Mit Tatkraft. Wir brauchen sie alle. Unser Land braucht Sie alle.

Regierungserklärung von Ministerpräsident Cem Özdemir am 20. Mai 2026 im Landtag von Baden-Württemberg (PDF)