Pressemitteilungen

Antisemitismus
  • 18.10.2018

„Die meisten Angriffe passieren im Internet“

  • Dr. Michael Blume ist der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus. (Foto: © Staatsministerium Baden-Württemberg)

Michael Blume ist Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. Im Interview mit dem Reutlinger General-Anzeiger spricht Blume über die Gründe, dieses Amt zu schaffen, mit welchen Formen von Antisemitismus er in Baden-Württemberg zu tun hat und was dagegen hilft.

Reutlinger General-Anzeiger: Herr Blume, Sie sind nun ein gutes halbes Jahr Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung. Was war der Anlass, dieses Amt zu schaffen?

Michael Blume: Einmal im Jahr trifft sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit den jüdischen Landesgemeinden. Die haben ihn auf das Thema Antisemitismus angesprochen und um einen Beauftragten gebeten. Sie haben mich auch gleich vorgeschlagen, ohne mich vorher gefragt zu haben. (lacht) Nachdem die Fraktionen im Landtag dem Vorschlag zugestimmt haben, habe ich die Verantwortung aber gerne auf mich genommen.

Wie viele Juden leben eigentlich in Baden-Württemberg?

Blume: Wir haben etwa 9.000 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden. Darüber hinaus gibt es aber auch noch einige Tausend Menschen, die von jüdischen Müttern abstammen, aber nicht Mitglied der Gemeinden sind. Insgesamt sind es wohl so um die 14.000 Menschen, die im traditionellen, halachischen Sinne jüdisch sind. Aber als Antisemitismusbeauftragter arbeite ich für elf Millionen Menschen.

Allen Formen des Rassismus' schreiben Menschen bedrohliche Eigenschaften zu

Das heißt, Sie arbeiten für alle Baden-Württemberger?

Blume: Ja, denn der Antisemitismus richtet sich immer auch, aber eben nicht nur gegen Juden. Antisemiten behaupten, dass unsere Gesellschaft von Verschwörern kontrolliert wird. Deshalb greifen sie Juden als vermeintliche Verschwörer an, aber sie wenden sich genauso gegen Medien, Journalistinnen, Richter, Lehrerinnen sowie auch andere religiöse und ethnische Minderheiten, in Deutschland also zum Beispiel gegen Sinti und Roma oder im Irak zum Beispiel gegen Jesiden. Das heißt, gegen Antisemitismus müsste man sogar kämpfen, wenn es gar keine jüdischen Gemeinden gäbe, denn letztlich ist Antisemitismus eine Misstrauenserklärung an die gesamte, liberale Gesellschaft. Die Juden dienen Antisemiten als Symbol für den Verschwörungsvorwurf gegen alle Andersdenkenden.

Wie äußert sich der Antisemitismus hierzulande? Wie viel wird der Polizei oder Ihnen gemeldet, wie hoch ist vermutlich die Dunkelziffer?

Blume: Wir haben bisher die polizeiliche Kriminalstatistik, die wir aber gerade überarbeiten. Danach ist die Lage in Baden-Württemberg stabil. Es gibt noch keine Steigerung. Darüber hinaus erheben wir jetzt neu antisemitische Vorfälle im öffentlichen und digitalen Raum, und da merkt man, es passiert etwas. Jüdinnen und Juden erfahren mit Abstand die meisten Angriffe im Internet. Das heißt, die Radikalisierung des Antisemitismus und seine Zunahme findet in Baden-Württemberg vor allem digital statt und schwappt jetzt langsam ins öffentliche und reale Leben über.

Wie antisemitisch sind eigentlich die Deutschen im Allgemeinen beziehungsweise die Baden-Württemberger im Besonderen?

Blume: In allen Formen des Rassismus werden Menschen bedrohliche Eigenschaften zugeschrieben. Zum Beispiel wird sogenannten „Zigeunern“ vorgeworfen, sie könnten nicht sesshaft sein und wären kriminell, oder Menschen mit dunkler Hautfarbe, sie wären faul und unbeherrscht. Gegen Juden lautet das Vorurteil, sie wären schlau und verschwörerisch. Das ist eine besonders gefährliche Form von Rassismus, weil sich Antisemiten dadurch ständig bedroht fühlen. Sie rechtfertigen Gewalt als Notwehr! In Krisenzeiten oder bei Einführung neuer Medien, wie nun dem Internet, können diese Verschwörungsmythen wieder aufbrechen und gefährlich werden, derzeit leider auch in Deutschland und Baden-Württemberg.

Verschwiegen wird noch das Problem der Altersradikalisierung

Welche gesellschaftlichen Gruppen sind besonders anfällig für Antisemitismus?

Blume: Da diskutieren wir bisher in einer Schieflage fast nur den Antisemitismus unter jüngeren Menschen. Es geht dann etwa um den Schulunterricht oder den Besuch von Gedenkstätten. Diese Konzentration auf die Jugend kommt einmal daher, dass jüngere Männer häufiger gewalttätig werden als Ältere. Aber es ist natürlich auch bequem, Probleme bei der Jugend abzuladen. Verschwiegen wird noch das Problem der Altersradikalisierung. Antisemitische und radikale Äußerungen gehen überwiegend von älteren Menschen aus, auch im Internet. Denken Sie beispielsweise an den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland mit seiner „Vogelschiss“-Verharmlosung über die Verbrechen des Dritten Reiches. Oder an den baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon, der öffentlich behauptete, jüdische Verschwörer wollten Europa „islamisieren“. Historisch haben wir in Deutschland Martin Luther, der als mutiger Reformer startete und im Alter zum hasserfüllten Antisemiten wurde. Ich wünsche mir, dass wir das Thema der Altersradikalisierung endlich untersuchen und angehen

Warum werden Menschen im Alter mitunter radikal?

Blume: Das wissen wir eben noch nicht genau. Viele Senioren werden im Alter weise und sanft, andere aber böswillig und aggressiv. Es gibt eine These, die annimmt, dass manche, nachdem sie das gefühlte Ende ihrer Karriere erreicht haben, noch einmal selbstwirksam sein wollen, also begierig darauf sind, sich noch einmal durch das Ausspielen von Einfluss und Macht zu bestätigen. Bei anderen führen eventuell frustrierende Lebenserfahrungen zu einer Radikalisierung. Sie sehen im Verschwörungsglauben einen Weg, für ihre Gefühle Schuldige zu benennen. Und das vermeintliche „Durchschauen“ von Verschwörungen fühlt sich ja auch erst einmal spannend an. Wir sollten also nicht nur in den Schulen über Antisemitismus diskutieren, sondern uns auch fragen, ob und wie man ältere Menschen erreichen kann.

Wie verbreitet sich Antisemitismus?

Blume: Der Antisemitismus ist ein System von Verschwörungsmythen, die sich nicht überprüfen lassen. Mit dem Aufkommen eines neuen Mediums kommt auch der vorher unterschwellige Hass wieder neu an die Oberfläche. Das war auch nach Erfindung des Buchdrucks so, als Martin Luther nicht nur die Bibelübersetzung drucken ließ, sondern auch zum Beispiel seine antisemitische Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. Die Nazis nutzten vor allem Radio als sogenannte „Volksempfänger“ und Propagandafilme wie „Jud Süß“. Derzeit nutzen Hetzer im In- und Ausland sehr professionell das Internet. Hoffentlich sind wir diesmal wachsamer und klüger.

Wie hoch ist die Gewaltbereitschaft von Antisemiten heute?

Blume: Direkte Gewaltbereitschaft findet sich vor allem unter jungen Leuten. Da gibt es auf der einen Seite deutsche, rassistische Extremisten und auf der anderen Zugewanderte, die letztlich gemeinsam den Mythos verbreiten, die Juden hätten den Orient zerstört und würden nun Flüchtlinge nach Europa treiben, um auch Europa zu zerstören. Rechtsextreme und Islamisten stacheln sich gegenseitig bis in den Terrorismus hinein an.

Woher stammt der Antisemitismus historisch?

Blume: Den gab es schon im Alten Ägypten. Das ist auch im Buch Exodus der Bibel beschrieben, wo der Pharao die Juden der Verschwörung beschuldigt, die viele Kinder bekämen. Im alten Griechenland und Rom gab es schon Pogrome gegen Juden, auch Versuche, die Beschneidung von Jungen zu verbieten. Antisemitische Mythen flossen dann auch in Christentum und Islam ein. Sie sind heute leider Bestandteil der globalen Kultur.

Was sind die Unterschiede, was die Übereinstimmungen des europäischen beziehungsweise deutschen Antisemitismus mit der Judenfeindlichkeit in muslimischen Kreisen?

Blume: In der islamischen Welt blieb der Buchdruck bis ins 19. Jahrhundert unterdrückt. Als Erklärung für die folgende Bildungskrise und dann auch den militärischen Niedergang wurden judenfeindliche Traditionen aus dem Islam mit antisemitischen Mythen aus Europa verschmolzen. Seit 1948 eskalierten zudem Neid und Verschwörungsglauben gegen Israel. Deutsche Antisemiten argumentieren eher rassistisch, islamische Antisemiten stärker religiös und fundamentalistisch. Beides vermischt sich aber immer mehr.

Rassismus und Antisemitismus sind nicht nur gefährlich, sie machen auch unglücklich

Was könnte und müsste bundesweit gegen judenfeindliche Haltungen unternommen werden? Was machen Sie auf Landesebene?

Blume: Deutschland beginnt sich gegen den Antisemitismus zu wehren, aber leider nicht schnell und entschieden genug. So habe ich als Beauftragter bisher nur in fünf anderen Bundesländern überhaupt Kollegen, noch keine einzige Kollegin. Die Zuständigkeiten für Gedenkstätten, Bildung, Integration, Polizei, Justiz und Religionen sind aber alle auf Landesebene und bei den Kommunen. Wir bringen schon jetzt in Baden-Württemberg Verbesserungen und Fortbildungen auf den Weg und der Landtag erwartet schon nächstes Jahr einen ersten Bericht mit weitergehenden, starken Vorschlägen. Wer immer noch nur abwartet, muss sich fragen lassen, ob er verstanden hat, wie gefährdet die Demokratie heute wieder ist.

Was können engagierte Bürger unternehmen?

Blume: Ohne engagierte Bürger haben wir gar keine Chance. Man sollte es machen wie Sem, der Sohn Noahs in der hebräischen Bibel, auf den übrigens der Begriff Semitismus zurückgeht. Sem hat nach jüdischer Tradition das erste Lehrhaus gegründet, hat viel gelesen, sich informiert und ist für Gerechtigkeit eingetreten. Den Kampf gegen Antisemitismus kann der Staat nie ohne die Zivilgesellschaft gewinnen. Man sollte sich bewusst sein, dass jeder von uns semitische und antisemitische Mythen in sich trägt. Wo nötig, gilt es auch im Familien- oder Freundeskreis aufzustehen, zu widersprechen und dem Hass entgegenzutreten. Rassismus und Antisemitismus sind nicht nur gefährlich, sie machen auch unglücklich.

Die Fragen stellte Emanuel K. Schürer

Staatsministerium: Beauftragter des Landes gegen Antisemitismus

Quelle: Das Interview erschien am 18. Oktober 2018 im Reutlinger General-Anzeiger.


Kontakt

Villa-Reitzenstein-Staatsministerium-Ruekseite 220x115

Staatsministerium

Richard-Wagner-Straße 15
70184 Stuttgart

Bürgerreferentin:

Zur Ministerien-Webseite

Porträt

Winfried Kretschmann

Ministerpräsident

 

 

Mehr

 

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident
Der Europadialog der Landesregierung. #EuropadialogBW

Newsletter

Immer auf dem neuesten Stand