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Interview
  • 30.04.2018

„Kruscht machen schon andere“

  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann (l.) und Oscarpreisträger Gerd Nefzer (r.)

Den Oscar, den Gerd Nefzer im März für die Spezialeffekte beim Film „Blade Runner 2049“ gewonnen hat, hat der Schwäbisch Haller zum Treffen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann mitgebracht. Das Gespräch dreht sich um den berühmtesten Filmpreis – und schwäbischen Erfindergeist.

Südwest Presse: Herr Nefzer, was war das für ein Gefühl, den Oscar entgegenzunehmen?

Gerd Nefzer: Unbeschreiblich! Da sind in einem Moment 31 Jahre Arbeit von mir abgefallen. Die Veranstaltung war gigantisch, wie alles in den USA: roter Teppich, viel Presse, ein bisschen Champagner. Kurz habe ich gedacht: Wie reagierst du, wenn es heißt: The Oscar goes to … „Planet der Affen“? Es war dann zum Glück unser Film „Blade Runner 2049“.

Sie haben den Oscar in der Kategorie Visuelle Effekte erhalten. Was machen Sie eigentlich genau?

Nefzer: Wir machen nichts am Computer. Wir sorgen für physikalische Effekte – Wind, Regen, Schnee, Nebel, Einschüsse, Explosionen. Das alles entsteht am Drehtag vor Ort. Wie viel ist vorgegeben? Fast nichts. Im Drehbuch steht nur: Es fliegt ein Auto durch die Luft. Alles andere ist Sache des schwäbischen Tüftlers, aber auch seiner Sparsamkeit. Es wird in Hollywood sehr gern gesehen, dass wir nicht so viel ausgeben.

Herr Kretschmann, erkennen Sie das Landsmannschaftliche wieder?

Winfried Kretschmann: Jemand, der spezielle Effekte kreiert, muss ein richtiger Tüftler sein. Das ist sehr typisch für unser Land. Deshalb sind wir auf den Oscar mächtig stolz. Wir haben in Baden-Württemberg ja eine große Filmtradition. Immerhin hat schon Carl Laemmle, ein Oberschwabe aus Laupheim, Hollywood begründet. 

Haben Sie den ausgezeichneten Film „Blade Runner 2049“ gesehen?

Kretschmann: Leider nein. Zum Filmeschauen komme ich so gut wie nicht. Aber ich war in meiner Jugend ein großer Science-Fiction-Leser. Virtuelle Welten haben immer etwas Faszinierendes. Nehmen Sie den mittelalterlichen Teppich von Bayeux: Das ist nichts anderes als eine Trickfilmdarstellung auf einem Teppich. Die Faszination ist uralt, nur die Möglichkeiten haben sich enorm verändert.

Welche Bedeutung hat das Genre Animation, Virtuelle Realität, Spezialeffekte für Baden-Württemberg?

Kretschmann: Da sind wir als Standort weltweit anerkannt. Aber die Konkurrenz ist groß und schläft nicht. Wir müssen uns noch mehr nach der Decke strecken.

Ist das nicht eine Nische?

Kretschmann: Die Kreativwirtschaft wächst enorm, das hat eine unglaubliche Dynamik. Das ist längst keine Nische mehr, sondern wirtschaftlich sehr bedeutsam.

Herr Nefzer, wo steht das Land?

Nefzer: Baden-Württemberg hat bei den Visuellen Effekten weltweit einen sehr guten Namen. In Deutschland ist der Großraum Stuttgart führend. Weltweit sieht das etwas anders aus.

Wer sind die Konkurrenten?

Nefzer: Asien ist allein durch die Lohnkosten im Kommen. Die simpleren Effekte werden nach China oder Indien vergeben. Wir müssen halt schauen, dass wir weiter für Qualität stehen.

Kretschmann: Da gilt, was generell für unsere Wirtschaft gilt: Nur mit Qualität haben wir eine Chance. Kruscht machen schon andere.

Welche Rolle spielt die Filmförderung?

Nefzer: Eine US-Produktionsfirma geht in kein Land der Welt, wenn es dort keine Filmförderung gibt. „Blade Runner 2049“ wurde in Budapest gedreht, weil es dort eine hohe Förderung gibt.

Was heißt das für Baden-Württemberg, Herr Kretschmann?

Kretschmann: Wir müssen die Kreativbranche noch stärker fördern. Wir haben Automobilbau, Maschinenbau, Medizintechnik – da denkt man schnell: Jetzt will der Kretschmann auch noch Orchideen verstreuen! Aber Erlebnis und Unterhaltung spielen eine immer größere Rolle. Der Oscar ist für uns Signal, weiter vorne mitzumischen.

Wo gehen die Trends hin?

Nefzer: Der reine Kinomarkt ist weltweit rückläufig. Was unglaublich boomt, ist die ganze Spielwelt. Mein Ding ist das nicht, ich bin auf dem Dorf aufgewachsen, da hat man in der Natur gespielt, nicht am Computer. Aber da geht der Trend hin.

Herr Kretschmann, diese Woche findet in Stuttgart das Trickfilmfestival statt. Welche Bedeutung hat es?

Kretschmann: Es ist ein Glücksfall, dass wir das Festival haben. Stuttgart ist sechs Tage weltweites Zentrum des Animationsfilms, ein Schaufenster der Kreativität. Die letzte persönliche Begegnung hatte ich im vergangenen Jahr. Da war das Trickfilmfestival mein Gast im Park der Villa Reitzenstein.

Nefzer: Für mich ist es eine Premiere. Ich halte an diesem Freitag einen Vortrag über „Blade Runner 2049“ und bin gespannt, was die junge Szene bewegt.

Was bedeutet der Oscar für Ihre Arbeit?

Nefzer: Ich denke nicht, dass wir deshalb einen Auftrag mehr oder weniger erhalten. Aber es dürfte jetzt kein US-Produzent mehr nachfragen, ob wir als deutsche Spezialisten für Effekte den Auftrag tatsächlich bewältigen können.

Die Fragen stellte Roland Muschel.

Quelle: Das Interview erschien am 27. April 2018 in der Südwest Presse


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