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Landesjubiläum
  • 25.04.2017

Von der Kopfgeburt zur Heimat

  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Interview in der Bibliothek des Staatsministeriums in Stuttgart (Bild: © dpa).

„Heimat brauchen wir heute mehr denn je”, schreibt Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Namensbeitrag für die Stuttgarter Zeitung anlässlich des Landesjubiläums. In den letzten 65 Jahren habe sich Baden-Württemberg zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder und der innovativsten Region Europas entwickelt. Die Stärke des Landes liege in seiner Vielfalt.

Noch nicht einmal einen Namen hatte der neue Südweststaat, als er vor 65 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Ministerpräsident Reinhold Maier verkündete am 25. April 1952 um Punkt 12:30 Uhr: „Mit dieser Erklärung (…) werden die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt. Meine Frauen und Männer: Gott schütze das neue Bundesland.“ Danach dauerte es noch einige Wochen, bis ihm die Verfassungsgebende Versammlung den Namen „Baden-Württemberg“ gab – und selbst der war zunächst nur als Übergangslösung gedacht.

Das neue Bindestrich-Land war also vor allem eines: eine Kopfgeburt. Das Resultat nüchterner Vernunft. Und eben keine Herzenssache. Kein historisch gewachsenes Gebilde mit langer gemeinsamer Tradition.

Und dennoch hat sich der Südweststaat – wie Theodor Heuss zu Recht gesagt hat – als „echter Glücksfall der Geschichte“ erwiesen. In den letzten 65 Jahren hat sich Baden-Württemberg zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder und der innovativsten Region Europas entwickelt. Aber nicht nur das. Baden-Württemberg ist für die Menschen, die hier leben, zur Heimat geworden.

Vielfalt als Stärke

Dabei lag und liegt die Stärke des Landes gerade in seiner Vielfalt. Denn bei uns gibt es kein dominierendes Zentrum. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Weltmarktführer und starke mittelständische Unternehmen in der Fläche wie hier. Wir haben eine vielfältige und innovative Hochschullandschaft. Und gefragt nach ihrer gefühlten Identität antworten genauso viele Menschen mit „Franke“, „Kurpfälzer“, „Badener“ oder „Schwabe“ wie mit „Baden-Württemberger“.

Ich sehe darin aber kein Manko. Im Gegenteil: Gerade diese Vielfalt ist bereichernd – in ihr verbinden sich Tradition und Offenheit für Neues. Und genau darum geht es bei einem modernen, fließenden Verständnis von Heimat: Dass Heimat eben nicht ausgrenzt, sondern offen ist, dass sie sich weiterentwickelt, ohne die Wurzeln zu kappen.

Wir sind ein Land des „und“, nicht des „entweder – oder“. Genauso wie wir gleichzeitig Deutsche und Europäer sind, können wir auch gleichzeitig Oberschwabe und Baden-Württemberger sein.

Heimat in Zeiten des Umbruchs

Entscheidend ist, dass wir uns beheimatet fühlen können. Denn Heimat brauchen wir heute mehr denn je. Wir leben in einer Zeit großer Umbrüche – von der Globalisierung bis zur Flüchtlingskrise, vom islamistischen Terrorismus bis zum rechten Populismus. Das alles führt zu einem großen Unbehagen, manche Menschen sind verunsichert oder fühlen sich überfordert. Die Sehnsucht nach Orientierung und Halt wächst.

Hier bietet Heimat eine wichtige Antwort. Denn Heimat schafft Identifikation und Zusammenhalt. Und auch wenn Heimat für jede und jeden von uns etwas Anderes bedeutet, teilen wir doch alle das Bedürfnis danach. Für mich persönlich gehören dazu die Landschaften meiner Kindheit. Der weiße Jura der Alb. Und das Schwäbisch, das man dort und im Oberland spricht. Dabei bin ich gar kein Urschwabe, falls es das überhaupt gibt. Meine Eltern waren Flüchtlinge. Sie sind aus Ostpreußen nach Baden-Württemberg gekommen. Ich habe zuhause noch hochdeutsch gesprochen. Aber mit meinen Freunden habe ich schwäbisch g‘schwätzt. Da war ich in Nullkommanix integriert. Weil Kinder nicht fragen: „Wo kommst Du her?“, sondern: „Willst Du mit mir spielen?“. Und weil der Dialekt von Herz zu Herz geht, und nicht von Kopf zu Kopf.

Zusammenhalt stärken

So wie mir ging es damals vielen Vertriebenen und Flüchtlingen. Später kamen dann die sogenannten Gastarbeiter, und inzwischen gehören italienische und türkische Namen genauso zum Land wie die Eberles und Wehrles. Heute suchen wieder viele Menschen bei uns Schutz. Denjenigen, die bleiben können, eine neue Heimat zu geben, ist eine große Aufgabe. Manche Menschen fragen sich: Wie soll die Integration der vielen Menschen gelingen? Ich verstehe ihre Befürchtungen. Aber ich bin zuversichtlich. Denn Baden-Württemberg ist ein starkes Land. Wir haben in unserer Geschichte immer wieder bewiesen, dass wir das schaffen. Und das mag auch damit zu tun haben, dass Heimat im Bindestrich-Land Baden-Württemberg mehr als anderswo etwas ist, das die Menschen sich in den letzten 65 Jahren aktiv angeeignet haben.

Lassen Sie uns in diesem Bewusstsein unsere Heimat gemeinsam so gestalten, dass wir den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken. Dass sie denen, die verunsichert sind, Halt und Orientierung gibt. Und denen, die hinzukommen, ein neues Zuhause. Denn das Schöne ist ja: Heimat ist ein Gut, das nicht weniger wird, wenn man es teilt.

Winfried Kretschmann

Quelle: Der Namensbeitrag erschien am 25. April 2017 in der Stuttgarter Zeitung.


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