Kunst und Kultur

Einigung auf gemeinsames Vorgehen bei Benin-Bronzen

Bund, Länder und Museen haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen beim Umgang mit den Benin-Bronzen verständigt. Die ersten Rückgaben sollen bereits 2022 erfolgen. Damit setzen Bund und Länder ein entscheidendes, historisches Signal.

„Bund, Länder und Museen haben den Willen gezeigt, im Umgang mit den Benin-Bronzen Meilensteine zu setzen und konkret zu werden – bereits im kommenden Jahr sollen erste Rückgaben an Nigeria erfolgen. Ich freue mich, dass wir mit der von Baden-Württemberg vergangene Woche vorgelegten Roadmap einen Impuls dazu geben konnten. Mit der nun getroffenen Vereinbarung bin ich sehr zufrieden; sie ist nahezu deckungsgleich mit unserem Vorschlag. Bund und Länder wollen in Sachen Rückgaben noch im Juni die notwendigen Beschlüsse fassen – und damit ein entscheidendes, historisches Signal setzen“, sagte Kunstministerin Theresia Bauer im Nachgang des informellen Austauschs mit Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters, dem Auswärtigen Amt, den Kunstministerinnen und -ministern der Länder Baden-Württemberg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen, der Stadt Köln und dem Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder sowie den Leitungen der fünf deutschen Museen der Benin Dialogue Group – der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Berlin), dem Linden-Museum Stuttgart, dem Museum am Rothenbaum Hamburg, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und dem Rautenstrauch-Joest-Museum Köln. Am 29. Juni soll die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den formellen Beschluss fassen.

Verständigung auf Zeitplan und konkrete Schritte

Bei ihrem konstruktiven und ergebnisorientierten Treffen haben sich die Träger – also die Kommunen, die Länder und der Bund – und die Museumsleitungen auf einen Zeitplan und konkrete Schritte verständigt: Umgehend soll vollständige Transparenz über die Kulturgüter aus Benin in deutschen Museen hergestellt werden. Die Bestände werden – alle gemeinsam – auf einer Online-Datenbank bei der Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland  der Kulturstiftung der Länder zugänglich gemacht. Parallel werden die Länder und Kommunen als Träger von Museen die notwendigen Voraussetzungen für Rückgaben schaffen – sei es der Abschluss der Provenienzforschung oder die Schaffung haushaltsrechtlicher Regelungen. Diese hat Baden-Württemberg bereits geschaffen. 

Bereits im Jahr 2022 soll es zu ersten Rückgaben kommen. Dazu wird das Auswärtige Amt seine Gespräche in Nigeria intensivieren. Auf fachlicher Ebene sollen die Museen der Benin Dialogue Group eingebunden werden, zu denen auch das Stuttgarter Linden-Museum gehört. Neben Rückgaben soll mit den nigerianischen Partnern auch erörtert werden, ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig auch in Deutschland gezeigt werden können.

Neues Kapitel der Zusammenarbeit aufschlagen

Die Beteiligten haben sich auch auf eine vertiefte Kooperation mit den nigerianischen Partnern verständigt. „Wir brauchen eine neue Art der Kooperation mit den Herkunftsgesellschaften. Rückgaben sind ein Teil dieser Strategie, vielleicht sogar die Voraussetzung dafür, dass wir eine neue Qualität der Kooperation erreichen können“, betonte Ministerin Bauer. Die Rückgabe von Objekten aus kolonialen Zusammenhängen sei kein Schlusspunkt, sondern ganz im Gegenteil der Ausgangspunkt für eine Qualität des Dialogs und für neue, starke Partnerschaften mit den Herkunfts­gesellschaften. „Wir wollen die gemeinsame Kolonialgeschichte auch gemeinsam aufarbeiten und ein neues Kapitel der Zusammenarbeit aufschlagen. Das ist der baden-württembergische Weg, wie wir mit unserem kolonialen Erbe umgehen. Und die Erfahrungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren mit den Kooperationsprojekten unserer Namibia-Initiative gemacht haben, bestärken uns darin.“ Rückgabe von Bibel und Peitsche Hendrik Witboois aus dem Stuttgarter Linden-Museum 2019 an Namibia war Ausgangspunkt einer intensiven Partnerschaft mit Namibia über mehrere Institutionen – Museen, Archive, Hochschulen – hinweg, die das Land mit über zwei Millionen Euro fördert.

Linden-Museum Stuttgart

Die Sammlung des Linden-Museums umfasst 64 Bronzen aus dem Königreich Benin. Ein Großteil der Bronzen wurde um 1900 von Felix von Luschan aus Berlin angekauft und durch den Unternehmer und Mäzen Carl Heinrich Eduard Knorr finanziert. Insgesamt zählt das Linden-Museum 81 Objekte aus dem Königreich Benin, dem heutigen Bundesstaat Edo in Nigeria.

Wie alle Beteiligten der Benin Dialogue Group stellt das Linden-Museum Transparenz über seine Sammlungen her und beteiligt die Herkunftsgesellschaften – wie auch in anderen Bereichen der Museumsarbeit – bei der Aufarbeitung und Präsentation der Sammlungen des Museums. Der partnerschaftliche Austausch und der gemeinsame Blick auf die Objekte sind dem Museum und seiner Leiterin Prof. Dr. Inés de Castro besonders wichtig. So wurden die Texte zur Präsentation der Benin-Objekte in der neuen Dauerausstellung „Wo ist Afrika?“ von Vertreterinnen und Vertreter des Benin-Königshauses selbst verfasst.

Namibia-Initiative

In der Namibia-Initiative haben sich Archive, Museen und Universitäten verbunden. Hier kommen Institutionen und Menschen zusammen, die bisher – auch innerhalb Namibias – noch nie zusammengearbeitet haben. Es entstehen neue Formen der Kooperation und Netzwerke zwischen Wissenschaft und Kultur, die auch die Herkunftsgesellschaften einbinden. Für die Namibia-Initiative hat das Land bislang über zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Ziel ist es, die Geschichte der Kolonialzeit stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mit gemeinsamen Ausstellungen und Präsentationen in Museen, dem Erforschen der Sammlungsobjekte mit den Herkunftsgesellschaften, der Zusammenarbeit der Archive bei der Auswertung von Quellen, der Erforschung der Rolle der deutschen Kolonialliteratur, der Verbindung der Kunstszenen, dem Studierenden­austausch wie auch der Verortung des Themas im Schulunterricht – es werden gemeinsam Unterrichtsmaterialien für Schüler und Lehrer erstellt – leisten die Projekte der Namibia-Initiative dazu ihren Beitrag.

Am 7. Mai findet der Auftakt der virtuellen Eventserie „Narrating Africa #StepTwo“ des Deutschen Literaturarchivs Marbach mit Kunststaatssekretärin Petra Olschowski, Nelson Mlambo, Senior Lecturer an der Universität Namibia, Annette Bühler-Dietrich, außerplanmäßige Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Theaterwissenschaft an der Universität Stuttgart und Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, statt. Anschließend diskutieren Penda Diouf, Rémy Ngamije und Sylvia Schlettwein über „Diversity in Namibian Literature“.

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