Inklusion

Kultusminister Stoch wirbt für parteiübergreifenden Konsens bei Inklusion

Kultusminister Andreas Stoch im Interview

Ab dem kommenden Schuljahr sollen Kinder mit und ohne Behinderung im Land gemeinsam unterrichtet werden können. Eltern können dann selbst entscheiden, ob ihr Kind eine Sonderschule oder eine Regelschule besucht. Kultusminister Andreas Stoch wirbt im Interview mit der Heilbronner Stimme für einen parteiübergreifenden Konsens bei der Inklusion.

Heilbronner Stimme: Herr Minister, sind die Lehrer auf den Ansturm behinderter Kinder vorbereitet?

Andreas Stoch: Wir haben im Land bereits umfangreiche Erfahrungen, unter anderem in den fünf Schulamtsbezirken, in denen Inklusion modellhaft umgesetzt wurde. Kollegen an allgemeinen Schulen haben natürlich zum Teil noch Ängste, insbesondere beim zieldifferenten Unterricht. Man darf aber im September nicht mit einer Flutwelle rechnen. Es wird nicht so sein, dass Inklusion an jeder Schule umgesetzt wird. Wir gehen von einem schrittweisen Ausbau aus.

Eltern können zwischen der Sonder- und Regelschule wählen. Entscheiden sie sich für eine Regelschule, müssen sie sich im Gegensatz zu Eltern nichtbehinderter Kinder an die Empfehlung der Schulverwaltung halten. Ist das eine Ungleichbehandlung?

Stoch: Es geht darum, dass Eltern mit dem Schulamt und den kommunalen Verantwortlichen gemeinsam den jeweils richtigen Ort für ihr Kind definieren. Wir können es nicht schaffen, dass jedes Kind mit jeder Behinderung an jeder Schule unterrichtet werden kann.

Vor einem halben Jahr rechneten Sie noch mit einem Bedarf von rund 4000 neuen Sonderpädagogen, jetzt sind es nur noch etwa 1350. 

Stoch: Das Ausbauszenario umfasst die nächsten acht bis zehn Jahre. Wenn man aber weiß, dass die zusätzlichen Sonderpädagogen nicht auf dem Markt sind, muss man mit den verfügbaren Ressourcen argumentieren und planen. Lehrer an allgemeinen Schulen müssen in guter Partnerschaft mit Sonderpädagogen die Inklusion umsetzen. Das bedeutet für die Lehrer eine Änderung in ihrem Selbstverständnis.  

Wie kommen Sie darauf, dass 28 Prozent der Eltern mit einem behinderten Kind eine Regelschulen wählen? 

Stoch: Die Erfahrungen in den Modellregionen haben gezeigt, dass zwischen 23 und 27 Prozent der Eltern eine inklusive Beschulung gewünscht haben. Darauf beruhen unsere Planungen.

Das bedeutet rund ein Drittel weniger Schüler an Sonderschulen. Was spart das Land dadurch finanziell ein?  

Stoch: Ich möchte die Inklusions-Diskussion nicht als Einspar-Diskussion führen. Da die Eltern wählen können sollen, würde ich es für problematisch halten, die Sonderschulen auszudünnen, weil sich zum Beispiel die Wege für die Kinder deutlich verlängern könnten. Wir können aber nicht ausschließen, dass es an den Sonderschul-Standorten, wo nicht mehr genügend Schüler zusammenkommen, Anpassungsbedarf gibt.

Für Diskussionen sorgen die rund 39 Millionen Euro, die vor Ort anfallen werden. Das Land übernimmt offenbar 30 Millionen Euro.

Stoch: Da wir uns immer noch in Gesprächen befinden, möchte ich die 30 Millionen nicht kommentieren. Die 39 Millionen kann ich bestätigen. Das sind Zahlen, die zum Beispiel durch Schulbau, Jugend- und Eingliederungshilfe sowie die Schülerbeförderung entstehen.  

Welchen finanziellen Beitrag sollen die Kommunen selbst übernehmen? 

Stoch: Die Umsetzung der Inklusion ist nicht nur ein schulisches, sondern ein gesellschaftliches Thema. Ich appelliere daher an die Kommunalen Landesverbände, hier nicht eine Drucksituation zu Lasten des Landes zu erzeugen. Alle sind aufgefordert, hier mitzuwirken.  

Die Kommunen würden die Inklusion lieber zunächst an Schwerpunktschulen umsetzen.

Stoch: Ein Netz aus Schwerpunktschulen wäre mir zu weitmaschig. Die Gefahr wäre auch, dass andere Schulen sagen, Inklusion geht uns nichts an.  

Glauben Sie, dass es in den Schulen auch Konflikte gibt? 

Stoch: Die Angst ist größer als die tatsächlichen Schwierigkeiten. Wenn wir über Kinder mit schwierigem Verhalten diskutieren, werden wir an den Punkt kommen, wo Eltern nichtbehinderter Kinder Angst haben, dass die pädagogische Betreuung beeinträchtigt wird. Wir müssen aufpassen, dass Inklusion nicht zu einem Reizwort wird, sondern als Chance gesehen wird. 

Sie werden dafür kritisiert, dass Sie mit der Umsetzung der Inklusion so lange gebraucht haben.

Stoch: Auf der einen Seite erzählen die Menschen, in der Bildungspolitik zu vieles zu schnell passiert. Wenn ein komplexes Thema wie die Inklusion mit der notwendigen Sensibilität umgesetzt wird, dann war es angeblich wieder zu langsam. Inklusion wird unsere Schulen in Zukunft mit am stärksten verändern. Deswegen ziehe ich mir gerne den Schuh an, dass wir länger gebraucht haben, als wir ursprünglich dachten.

Wäre hier nicht ein parteiübergreifender Konsens möglich?

Stoch: Das ist ein klassisches Thema, das parteiübergreifend umgesetzt werden sollte. Ich würde mich freuen, wenn dies gelänge.

Das Interview führte Michael Schwarz.

Reportage: Mit- und voneinander Lernen an der Gebhardschule in Konstanz

Quelle:

Heilbronner Stimme