Interview

Fördern, was in den Schülern steckt

Ministerpräsident Winfried Kretschmann; Foto: dpa

Wir müssen schauen, dass wir aus den Schülern das schöpfen, was in ihnen steckt, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Deshalb setzt er auf individuelle Förderung. Denn: „Die größte Kraft, etwas zu lernen, ist die Motivation.“ 

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, Sie sind in der elften Klasse sitzengeblieben. Hat Sie das traumatisiert?

Kretschmann: In keiner Weise. Es war ja erfolgreich.

SPIEGEL: Warum das?

Kretschmann: Man muss die Vorgeschichte kennen. Ich war bis zur zehnten Klasse auf einem streng katholischen Internat. Irgendwann hielt ich das nicht mehr aus und verließ es. Im folgenden Schuljahr habe ich dann mehr in den Bierkrug als ins Buch geguckt. Deshalb musste ich die Klasse wiederholen.

SPIEGEL: Und warum der Bierkrug?

Kretschmann: Ich hatte ein Bedürfnis, das Verbotene nachzuholen - etwas zu exzessiv.

SPIEGEL: Ihr Vater war Lehrer. Wie hat er auf das Sitzenbleiben reagiert?

Kretschmann: Er hat es gelassen hingenommen. In meinem Jahrgang ist mindestens die Hälfte der Schüler einmal sitzengeblieben.

SPIEGEL: War das Ihre Art der Rebellion?

Kretschmann: Sicher hatte es damit zu tun. Es war die Vor-68er-Zeit.

SPIEGEL: Und Sitzenbleiben gehörte zum Sozialprestige?

Kretschmann: Nein, aber es war auch nicht sozial diskriminierend.

SPIEGEL: Was war an Ihrem katholischen Internat so schlimm?

Kretschmann: Alles war verboten. Man durfte noch nicht mal am Sonntag die Stadt besuchen. Wenn man spazieren gehen wollte, hieß es immer "per oppidum" - durch die Stadt hindurch. Unerlaubter Wirtshausbesuch wurde mit der Drohung geahndet, aus dem Internat zu fliegen.

SPIEGEL: Das Wirtshaus stand damals offenbar im Mittelpunkt Ihres schulischen Daseins.

Kretschmann: Nein. Aber wenn man aus so einem Internat kommt, geht man eben öfter mal ins Wirtshaus.

SPIEGEL: Warum sind Sie bei Ihrer Schulgeschichte dann selbst Lehrer für Biologie, Chemie und Ethik geworden?

Kretschmann: Es ist ein schöner Beruf.

SPIEGEL: Es gibt viele schöne Berufe.

Kretschmann: Ich stamme aus einer Lehrerfamilie. Nicht nur mein Vater war Lehrer, auch meine Frau ist Lehrerin, ich bin Lehrer, zwei meiner Kinder sind Lehrer.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, Ihr Vater sei auch ein guter Lehrer gewesen.

Kretschmann: Ja, er war vor allem ein sehr gütiger Lehrer. Er war noch ein Allrounder. Er hat alle Schüler des Dorfes in einem Raum unterrichtet.

SPIEGEL: Und Sie? Waren Sie ein gütiger Lehrer?

Kretschmann: Ich war strenger als mein Vater.

SPIEGEL: Das Antiautoritäre der 68er-Bewegung hat Sie als Lehrer nicht geprägt?

Kretschmann: Überhaupt nicht. Ich habe das für Eskapismus gehalten und für Unsinn. Ich finde, der Lehrer soll ein Lehrer bleiben, ein Pädagoge, einer, der Kinder führt. Die Kameraderie, die in 68er-Zeiten üblich war, habe ich nie betrieben.

SPIEGEL: Sie haben sich nie mit Ihren Schülern geduzt?

Kretschmann: Nein, ich habe Schüler geduzt, aber ich habe mich nicht von ihnen duzen lassen. Mein Lehrerbild ist klassisch. Ich bin ein ganz großer Anhänger von Disziplin. Ich war als Lehrer extrem pünktlich. Denn wenn man das nicht ist, kann man die Schüler nicht zurechtweisen, wenn sie zu spät kommen. Andererseits war ich ein Lehrer, der sehr frei unterrichtet hat. Die Schüler durften zu mir in der Sache auch frech sein. Aber man braucht einen Rahmen von Höflichkeit, Achtung und Respekt.

SPIEGEL: Das klingt nach bürgerlichen Tugenden und nicht nach Rebellion.

Kretschmann: Es muss bürgerliche Tugenden geben, und es muss auch Rebellion geben. Ich habe selber als Schüler rebelliert. Meine Abiturrede hat zu wütenden Attacken des Schulleiters auf der Abiturfeier geführt.

SPIEGEL: Sind Schüler wegen Ihrer Noten sitzengeblieben?

Kretschmann: Das kann ich nicht sagen, aber Chemie ist ein gefürchtetes Fach. Da hat sich mancher eine Fünf abgeholt. Aber ich habe als Lehrer den Schülern immer deutlich gemacht, dass eine schlechte Note nichts damit zu tun hat, dass sie schlechte Menschen sind.

SPIEGEL: Haben Sie selbst Zensuren als diskriminierend erlebt?

Kretschmann: In Mathe bin ich in der ersten Schule eigentlich nie mehr auf einen grünen Zweig gekommen, nachdem ich bei der ersten Mathe-Arbeit die schlechteste Note in der Klasse geschrieben hatte. Die schlechteste Note und die beste Note der Schüler wurden ins Klassenbuch eingetragen. Das war eine Diskriminierung, von der man sich nicht so leicht erholte. Als ich dann einmal eine Eins schrieb, war der Lehrer sicher, dass ich abgeschrieben hatte. Er sagte zu mir: "Du kommscht zum e Oiser wie die Jungfrau zum Kind." Erst an der neuen Schule bin ich ein ganz normaler Mathematikschüler geworden.

SPIEGEL: Wenn Sitzenbleiben bei Ihnen so erfolgreich war, warum wollen Sie es dann in Baden-Württemberg am liebsten abschaffen?

Kretschmann: Sitzenbleiben ist keine sinnvolle pädagogische Methode, wenn sie nach formalen Kriterien erfolgt: Wenn du zwei Fünfen hast und sie nicht mit zwei Zweien decken kannst ... Ich bin kein Anhänger von diesen grobschlächtigen Sitzenbleiben-Ordnungen.

SPIEGEL: Ein Verbot des Sitzenbleibens - das ist so, als würde man ein Symptom verbieten anstatt die Krankheit zu therapieren.

Kretschmann: Es wäre völlig unsinnig, das Sitzenbleiben ersatzlos abzuschaffen. Es macht nur Sinn, wenn man Maßnahmen ergreift, die dem Sitzenbleiben überlegen sind.

SPIEGEL: Welche zum Beispiel?

Kretschmann: Gezielte Förderung. Man muss sofort und nachhaltig an dem Punkt ansetzen, wo ein Schüler Schwächen hat. Die muss man mit einem Konzept der individuellen Förderung beheben.

SPIEGEL: Für Kinder, die in ihrer Entwicklung nicht so weit sind wie ihre Altersgenossen, kann es sinnvoll sein, eine Klasse zu wiederholen.

Kretschmann: Die können freiwillig wiederholen, das soll ja nicht abgeschafft werden.

SPIEGEL: Warum muss man das Sitzenbleiben abschaffen, wenn man individuell fördert? Der Sinn der individuellen Förderung ist doch, dass man die entsprechenden Noten erreicht und damit gar nicht erst sitzenbleibt.

Kretschmann: Genau. Schüler bleiben in Baden-Württemberg ohnehin ganz selten sitzen. Die Quote lag 2011 bei 1,2 Prozent, und wir schaffen es erst mal auch nicht ab.

SPIEGEL: Sind die Leistungsanforderungen gesunken?

Kretschmann: Hoffentlich nicht. Wir wollen in keinem Fall das Leistungsniveau senken. Das wäre unverantwortlich. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Baden-Württemberg mit seiner hohen Prosperität ist davon abhängig. Es generiert seinen Reichtum aus Leistungsbereitschaft. Wir haben nicht vor, die zu mindern. Wir wollen im Gegenteil auch bildungsferne Schichten erreichen und dort Bildungswille und Bildungserfolg stärken. Wenn man die hohe Prosperität und den Lebensstandard will, den offensichtlich fast alle wollen, geht das eben nicht ohne Leistungsorientierung.

SPIEGEL: Das ist der Preis, den man zahlen muss?

Kretschmann: Ich will daraus keine Weltanschauung machen. Ich will die Gesellschaft nicht auf Leistung trimmen. Aber in einer globalisierten Welt, wo die anderen auch aufwachen und schlau werden, muss man sich nach der Decke strecken, wenn man den Wohlstand will. Da besteht ein ursächlicher Zusammenhang.

SPIEGEL: Kann nicht ein gewisser Druck hilfreich sein, um Schüler zu Leistungen zu motivieren?

Kretschmann: Warum bestehen fast alle Menschen irgendwann den Führerschein, obwohl es eine extrem schwere theoretische und praktische Prüfung ist? Weil sie ihn unbedingt wollen. Die größte Kraft, etwas zu lernen, ist die Motivation. Aufgrund des enormen demografischen Problems müssen wir schauen, dass wir aus den Schülern das schöpfen, was in ihnen steckt. Wir brauchen für die Wirtschaft die notwendigen Fachkräfte. Also müssen wir die richtigen Anreize setzen. Gerade aus einem Leistungsdenken heraus werden wir Sitzenbleiben als meist ineffektives Instrument abschaffen. Angstbesetzte Sanktionen - so sagt uns die moderne Gehirnforschung - sind nicht nachhaltig.

SPIEGEL: Müsste man dann nicht auch schlechte Noten abschaffen?

Kretschmann: Noten sind ein Instrument der Leistungsmessung. Ich bin ein klarer Anhänger von Ziffernoten. Die sind einfach klar und verständlich, allerdings nicht genau. Das muss man wissen. Am besten ist, man kombiniert Ziffernnoten mit einer Besprechung. Jede Einzelmaßnahme muss im Gesamtethos von Neugier - das Wichtigste beim Lernen ist, das zu fördern -, sozialem Lernen, Leistungsbereitschaft und dem Willen zu üben eingebettet sein. Sonst kann jedes einzelne Instrument unwirksam oder kontraproduktiv sein.

SPIEGEL: Ziffernoten heißt doch: Zum Zeitpunkt der Prüfungen müssen, individuelle Förderung hin oder her, alle auf dem gleichen Stand sein.

Kretschmann: Irgendwann kommt immer die Stunde der Wahrheit. Wir glauben auch nicht, dass jeder ein verkappter Einstein ist. Irgendwann muss man zeigen, was man kann und was man nicht kann. Das ist nun mal einfach im Leben so. Wir können nur gute Schulen machen, keine Schulparadiese.

SPIEGEL: Die Erfahrung von Scheitern und von Misserfolg gehört also zum Schulleben dazu?

Kretschmann: Das ist keine Frage. Es ist ja klar: Nicht jeder wird das Abitur schaffen. Das wäre eine völlig irrige Meinung.

SPIEGEL: Sie haben in Baden-Württemberg die verbindliche Empfehlung nach der Grundschule für die weiterführende Schule abgeschafft. Das heißt, alle Eltern können für ihr Kind den Schultyp selbst bestimmen. Kann also jeder, der will, Abi machen?

Kretschmann: Weder ist es möglich, noch ist es unser Bestreben, aber erst mal ist es die Aufgabe, das, was in den Schülern steckt, zu fördern, statt nur an aussortieren zu denken.

SPIEGEL: Wenn 75 Prozent der Eltern wollen, dass ihr Kind Abitur macht, haben Sie doch am Ende 75 Prozent Abiturienten?

Kretschmann: Man muss in einer modernen Gesellschaft auf die Vernunft von Menschen vertrauen. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass eine Schulempfehlung, wenn sie in einer guten Atmosphäre mit den Eltern besprochen wird, auch akzeptiert und angenommen wird.

SPIEGEL: Sie sagen selbst, dass Schüler nun einmal unterschiedlich leistungsfähig sind. Je besser Sie individuell fördern, desto stärker müssten diese Unterschiede zutage treten.

Kretschmann: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wie alle anderen Lehrer habe auch ich in der Regel allen dieselbe Hausaufgabe gegeben. Das ist eigentlich eine unsinnige Maßnahme. Der eine macht es in zwei Minuten, der andere kriegt es nicht hin. Dieses System, einen großen Teil immer zu überfordern und einen Teil zu unterfordern, ist eine Krux unseres Schulwesens; das müssen wir ändern. Das bedeutet mehr Aufwand, erfordert eine andere Pädagogik, auch mehr Ressourcen.

SPIEGEL: Wie wollen Sie individuelle Förderung verbessern, wenn Sie gleichzeitig Lehrerstellen streichen?

Kretschmann: Das hat mit diesem Thema absolut nichts zu tun. Wir haben einen eklatanten Schülerrückgang. Seit 2003 gab es in Baden-Württemberg einen Rückgang von etwa 125 000 Schülerinnen und Schülern an den allgemeinbildenden Schulen, trotzdem haben wir bisher keine Lehrerstellen gestrichen. Bis 2020 prognostiziert das Statistische Landesamt einen weiteren Rückgang der Schülerzahlen um 190 000. Wir haben daher beschlossen, frei werdende Lehrerstellen behutsam nicht mehr zu besetzen. Das heißt, diese "Streichung" ist eine Antwort auf die demografische Entwicklung und gleichzeitig auf die drängende Frage der Haushaltskonsolidierung.

SPIEGEL: Hat sich die Rolle der Eltern in Ihrer Zeit als Lehrer geändert?

Kretschmann: Da läuft etwas auseinander. Einerseits haben wir eine Überbetreuung, andererseits Vernachlässigung. Das eine Viertel sind Eltern, die ihre Kinder eher überbetreuen, zum Beispiel mit Hausaufgabenhilfen, die ihren Kindern mehr schaden als nutzen. Das andere Viertel kümmert sich zu wenig um die Kinder.

SPIEGEL: Viele Eltern identifizieren sich heutzutage überproportional mit der Schulkarriere ihrer Kinder. Geht es Ihnen darum, die Eltern zu beruhigen und den Leistungsdruck von ihnen zu nehmen?

Kretschmann: Im Extremfall schon. Diese Eltern muss man eher bremsen, dass sie ihre Kinder auch mal Kinder sein lassen. Übersteigerte Leistungsanforderungen kommen sehr oft von den Eltern und gar nicht von den Kindern.

SPIEGEL: Sind Eltern, die Noten anzweifeln oder gegen sie klagen, ein Problem?

Kretschmann: Im Einzelfall kommt es zu überkandidelten Reaktionen. Das Härteste, was ich als Lehrer erlebt habe, war, als mich eine Mutter wegen eines halben Punktes in einer Erdkundearbeit in der großen Pause angerufen hat. In den Waldorfschulen gehen die Lehrer regelmäßig in die Elternhäuser. In Baden-Württemberg stellen wir vermehrt Sozialarbeiter ein, die auch solche Aufgaben übernehmen müssen.

SPIEGEL: Weil die Eltern manchmal mehr Betreuung brauchen als die Kinder?

Kretschmann: Verfassungsrechtlich ist es uns verwehrt, in die Elternhäuser hineinzuregieren. Das ist auch gut so. Elternhaus und Lehrerschaft müssen aber enger zusammenarbeiten, sonst kann die Entkoppelung von Bildungserfolg und Herkunft nicht gut gelingen. Deshalb unser Plädoyer für Ganztagsschulen.

SPIEGEL: Ist der Staat in der Bildung heute mehr gefordert als früher?

Kretschmann: Die Schule hat heute eine stärkere Aufgabe. Das hängt mit der Individualisierung der Gesellschaft zusammen. Pluralität und unterschiedliche Lebensentwürfe nehmen zu. Die Schule ist auch eine Lernwerkstatt des Zusammenhalts einer pluralen Gesellschaft. In Deutschland gehen cum grano salis alle noch gemeinsam in öffentliche Schulen. Gerade in einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft, wo die Subkulturen zunehmen, ist das von unschätzbarem Wert.

SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Quelle:

Der Spiegel